Honiggurami im 54-Liter-Aquarium? Warum übliche Mindestangaben zu kurz greifen
Der Honiggurami (Trichogaster chuna), auch Honigfadenfisch genannt, wird im Handel häufig als unkomplizierter kleiner Fisch für Aquarien ab 54 Litern angeboten. Teilweise heißt es sogar, ein solches Becken sei für ein Paar vollkommen ausreichend.
Doch eine Zahl, die sich gut auf ein Verkaufsschild drucken lässt, beantwortet noch lange nicht die entscheidende Frage:
Kann der Fisch in diesem Aquarium sein natürliches Verhalten ausleben, ohne dass ein Tier dauerhaft unter Druck gerät?
Beim Honiggurami sollte deshalb nicht allein nach Körpergröße und Literzahl entschieden werden. Revierverhalten, Balz, Rückzugsmöglichkeiten, Beckenstruktur und die übrigen Bewohner spielen eine mindestens ebenso große Rolle.
Klein bedeutet nicht automatisch für kleine Aquarien geeignet
Der echte Honiggurami bleibt mit ungefähr 4 bis 5,5 Zentimetern relativ klein. Daraus wird häufig abgeleitet, dass ein 60 Zentimeter langes Standardaquarium mit rund 54 Litern für ein Paar ausreiche.
Diese Rechnung greift zu kurz. Fische benötigen nicht nur genügend Wasservolumen, sondern vor allem eine passende nutzbare Grundfläche und ausreichend Abstand zueinander. Das wird besonders wichtig, sobald das Männchen ein Schaumnest baut und den Bereich darum verteidigt.
In einem nur 60 Zentimeter langen Becken kann ein Weibchen dem Revier des Männchens häufig nicht wirklich ausweichen. Eine Pflanze zwischen beiden Tieren unterbricht zwar kurzzeitig den Blickkontakt, schafft aber noch keinen ausreichend weit entfernten Rückzugsraum.
Ein „Pärchen“ ist nicht automatisch ein harmonisches Paar
Die Bezeichnung „Pärchen“ klingt nach zwei Fischen, die sich dauerhaft zusammenschließen und friedlich nebeneinander leben. Das trifft auf Honigguramis so nicht zu.
Das Männchen baut an der Wasseroberfläche ein Schaumnest, wirbt um das Weibchen und verteidigt anschließend sein Brutrevier. Außerhalb der eigentlichen Paarung kann das Weibchen vertrieben und wiederholt verfolgt werden. Wie stark dieses Verhalten ausgeprägt ist, hängt vom einzelnen Tier, von der Balzstimmung und von der Einrichtung ab.
Auch ein zunächst friedliches Zusammenleben beweist deshalb nicht, dass ein kleines Aquarium langfristig ausreichend ist. Problematisch wird es oft erst, wenn das Männchen in Fortpflanzungsstimmung kommt.
Welche Beckengröße ist wirklich verantwortbar?
Eine wissenschaftlich berechnete, für jedes Tier verbindliche Litergrenze gibt es nicht. Die Beckengröße muss deshalb aus dem Verhalten der Art und aus der benötigten Raumaufteilung abgeleitet werden.
Für ein Paar des echten Honigguramis empfehle ich:
- mindestens 80 Zentimeter Beckenlänge, idealerweise etwa 100 bis 125 Liter,
- in einem Gesellschaftsbecken besser 100 Zentimeter Beckenlänge,
- eine deutlich größere Grundfläche, wenn weitere Fische dieselbe obere und mittlere Wasserzone nutzen.
Ein 60-Zentimeter-Becken mit 54 Litern mag in bestimmten, sehr dicht bepflanzten Zucht- oder Artenbecken technisch funktionieren. Als allgemeine Empfehlung für die dauerhafte Haltung eines Paares halte ich es jedoch für zu knapp.
Eine mögliche Haltung ist nicht automatisch eine gute Haltung.
So muss das Aquarium eingerichtet sein
Auch ein größeres Aquarium ist nur dann geeignet, wenn es passend strukturiert wird. Honigguramis stammen aus ruhigen, stark bewachsenen Gewässerbereichen und benötigen Deckung statt einer großen, völlig freien Schwimmfläche.
Wichtig sind:
- dichte Rand- und Hintergrundbepflanzung,
- mehrere voneinander getrennte Sicht- und Rückzugsbereiche,
- Schwimmpflanzen oder bis zur Oberfläche reichende Pflanzen,
- ruhige Zonen mit nur geringer Strömung,
- freie Stellen an der Oberfläche zum Luftholen,
- Wurzeln, Äste und Laub als zusätzliche Struktur,
- eine Abdeckung mit warmer, feuchter Luft über der Wasseroberfläche,
- ruhige und nicht futterkonkurrierende Beifische.
Das Labyrinthorgan ermöglicht den Tieren, atmosphärische Luft aufzunehmen. Deshalb muss die Wasseroberfläche immer erreichbar bleiben. Gleichzeitig sollte das Aquarium abgedeckt sein, damit über dem Wasser kein kalter, trockener Luftzug entsteht.
Sind Honigguramis für Rosenheimer Leitungswasser geeignet?
Honigguramis gelten häufig als anpassungsfähig. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Leitungswasser automatisch optimal ist. In ihren natürlichen Lebensräumen kommen sie vor allem in ruhigen, pflanzenreichen und eher schwach mineralisierten Gewässern vor.
Das Rosenheimer Leitungswasser ist vielerorts relativ hart und alkalisch. Vor dem Kauf sollten deshalb die tatsächlichen Werte im Aquarium geprüft werden, insbesondere Gesamthärte, Karbonathärte und pH-Wert. Für die dauerhafte Haltung sollte nicht einfach davon ausgegangen werden, dass ein Fisch sich schon „daran gewöhnen“ wird.
Honigguramis und Neocaridina: möglich, aber nicht nachwuchssicher
Auch bei der Vergesellschaftung mit Neocaridina davidi findet man häufig die pauschale Aussage, Honigguramis seien friedlich und deshalb garnelensicher. Das Wort „friedlich“ wird hier falsch verstanden.
Ein Fisch kann gegenüber anderen Fischen friedlich sein und trotzdem kleine Wirbellose fressen. Honigguramis ernähren sich unter anderem von Insektenlarven und anderen kleinen Wirbellosen. Garnelenbabys passen daher sehr gut in ihr Beuteschema.
Realistisch ist folgende Einschätzung:
- Große, gesunde Neocaridina werden häufig in Ruhe gelassen.
- Frisch gehäutete, geschwächte oder kleinere Garnelen können gefährdet sein.
- Garnelenbabys und kleine Jungtiere werden sehr wahrscheinlich gefressen.
- Das Verhalten kann sich von Fisch zu Fisch unterscheiden.
- Eine etablierte Garnelenkolonie kann in einem sehr dicht strukturierten Becken trotzdem bestehen bleiben.
Moose, Süßwassertang, feine Wurzelbereiche, Laubhaufen und dichte Pflanzenpolster erhöhen die Überlebenschancen der Junggarnelen. Vollständigen Schutz bieten sie nicht.
Wer gezielt Neocaridina vermehren und möglichst viele Jungtiere aufziehen möchte, sollte sie nicht mit Honigguramis vergesellschaften. Wer dagegen mit einem gewissen Verlust beim Nachwuchs leben kann und bereits eine stabile Garnelenkolonie besitzt, kann die Kombination in einem ausreichend großen und dicht eingerichteten Aquarium versuchen.
Hinzu kommt ein möglicher Unterschied bei den Wasseransprüchen: Neocaridina kommen häufig sehr gut mit härterem Wasser zurecht, während Honigguramis eher weiches bis mittelhartes, nicht stark alkalisches Wasser bevorzugen. Entscheidend sind daher immer die konkreten Wasserwerte und nicht nur die theoretische Überschneidung sehr weit gefasster Toleranzbereiche.
Achtung: Nicht jeder „Honiggurami“ ist wirklich Trichogaster chuna
Unter den Handelsnamen „Honiggurami“, „Gold-Honiggurami“ oder „Roter Honiggurami“ werden nicht immer ausschließlich echte Trichogaster chuna angeboten. Mitunter handelt es sich um Farbformen oder um ähnlich aussehende, aber größere Arten wie den Dicklippigen Fadenfisch (Trichogaster labiosa).
Das ist für die Beratung besonders wichtig: Ein größer werdender Fadenfisch benötigt selbstverständlich mehr Platz als der echte Honiggurami. Vor dem Kauf sollte deshalb die wissenschaftliche Artbezeichnung geprüft und das Tier im Zweifel anhand guter Fotos bestimmt werden.
Mein Fazit
Der Honiggurami ist ein wunderschöner, vergleichsweise ruhiger Labyrinthfisch. Er ist jedoch kein anspruchsloser Dekorationsfisch für jedes kleine Gesellschaftsbecken.
Die häufig genannte Haltung eines Paares in 54 Litern orientiert sich an einer sehr knappen Mindestlösung. Für eine dauerhaft verantwortbare Haltung empfehle ich mindestens 80 Zentimeter Beckenlänge und etwa 100 bis 125 Liter. In einem Gesellschaftsbecken sind 100 Zentimeter Beckenlänge meist die deutlich bessere Wahl.
Mit Neocaridina ist die Haltung grundsätzlich möglich, aber nicht ohne Risiko. Erwachsene Garnelen können überleben, Nachwuchs wird jedoch wahrscheinlich als Futter betrachtet. Wer Garnelen gezielt züchten möchte, sollte beide Arten getrennt halten.
Artgerechte Haltung beginnt dort, wo wir nicht nur fragen, ob ein Tier in ein Aquarium hineinpasst, sondern ob das Aquarium zu seinem Verhalten passt.